Meteorologisch stecken wir noch mitten im Hochsommer. Doch wenn ich durch unseren Garten gehe, erzählt mir die Natur längst eine andere Geschichte: Die Holunderbeeren sind reif und hängen schwer an den Dolden. Für mich ist das ein deutliches Zeichen, dass der Frühherbst eingezogen ist.
Das klingt vielleicht ungewöhnlich, schließlich haben wir noch August, jetzt, da ich diesen Beitrag schreibe. Aber die Natur richtet sich nicht nach unserem geschriebenen Kalender, sondern nach dem, was tatsächlich blüht, reift und fällt. Genau damit beschäftigt sich die Phänologie. Der phänologische Kalender glieder das Jahr nicht in vier, sondern in zehn Jahreszeiten.
Aber was genau ist Phänologie?
Der Begriff stammt vom griechischen phaínein (zeigen, erscheinen). Die Phänologie ist die Lehre von den wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen in der Natur: wann eine Pflanze zu blühen beginnt, wann die ersten Blätter austreiben, wann Früchte reifen, wann sich das Laub verfärbt. Solche Ereignisse zeigen uns sehr genau, in welcher Phase des Jahres die Natur gerade steht.
In Deutschland pflegt der Deutsche Wetterdienst (DWD) dazu ein bundesweites phänologisches Beobachtungsnetz. Ehrenamtliche melden Jahr für Jahr, wann bestimmte Entwicklungsphasen eintreten. Aus diesen Daten entsteht ein Naturkalender, an dem im Grunde jede und jeder mitschreiben kann.
Zeigerpflanzen: Dein Wegweiser durch das Jahr
Damit sich die Übergänge erkennen lassen, arbeitet die Phänologie mit sogenannten Zeigerpflanzen. Das sind heimische Pflanzen, deren Blüte, Fruchtreife oder Laubverfärbung den Beginn einer bestimmten Phase verlässlich anzeigt. Blüht die Hasel, beginnt der Vorfrühling; reifen die Holunderbeeren, der Frühherbst.
Dabei handelt es sich nicht um starre Regeln. Je nach Region, Wetter, Höhenlage und Standort verschieben sich die Entwicklungsstadien um Tage bis Wochen. Und genau das macht die Phänologie so spannend: Sie lässt sich direkt vor der eigenen Haustür beobachten!
Die zehn phänologischen Jahreszeiten im Überblick
| Phänologische Jahreszeit | Zeigerpflanze / Ereignis |
| 🌱 Vorfrühling | Blüte der Hasel (Corylus avellana), Schneeglöckchen |
| 🌷 Erstfrühling | Beginn der Forsythienblüte (Forsythia) |
| 🍏 Vollfrühling | Beginn der Apfelblüte (Malus domestica) |
| 🌼 Frühsommer | Blüte des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra) |
| 🌳 Hochsommer | Blüte der Sommerlinde (Tilia platyphyllos) |
| 🍎 Spätsommer | Reife der ersten Frühäpfel |
| 🫐 Frühherbst | Reife der Holunderbeeren (Sambucus nigra) |
| 🌰 Vollherbst | Fruchtreife der Rosskastanie — die Kastanien fallen |
| 🍂 Spätherbst | Laubverfärbung der Stieleiche (Quercus robur) |
| ❄️ Winter | Blattfall der Stieleiche, Nadelfall der Lärche (Larix decidua) |
Die zehn Jahreszeiten im Einzelnen
🌱 Vorfrühling — die Hasel blüht
Wenn die Hasel ihre Kätzchen entwickelt und zu stäuben beginnt, erwacht die Natur aus der Winterruhe. Der Vorfrühling ist die erste, oft noch vorsichtige Ankündigung des kommenden Frühlings und beginnt vielerorts schon im Februar.
🌷 Erstfrühling — die Forsythie beginnt zu blühen
Mit dem Gelb der Forsythie wird es draußen deutlich lebendiger. Die Tage werden länger, immer mehr Pflanzen treiben aus, und der Frühling nimmt Fahrt auf.
🍏 Vollfrühling — die Apfelblüte beginnt
Die Apfelblüte markiert den Höhepunkt des Frühlings. Sie ist einer der schönsten und zugleich am besten sichtbaren Frühlingsboten und der Startschuss für ein ganzes Heer weiterer Blüten.
🌼 Frühsommer — der Holunder blüht
Die weißen Blütendolden des Schwarzen Holunders sind jetzt kaum zu übersehen. Die Landschaft wird üppig, viele Wildkräuter stehen in voller Blüte. Die Zeit für Holunderblütensirup ist gekommen.
🌳 Hochsommer — die Sommerlinde blüht
Mit der Blüte der Sommerlinde steht die Natur in ihrer ganzen Fülle. Kräuter und Wiesenpflanzen blühen, erste Früchte beginnen zu reifen, und die Tage sind lang und warm.
🍎 Spätsommer — die ersten Frühäpfel reifen
Noch fühlt es sich nach Sommer an. Doch die ersten reifenden Frühäpfel kündigen bereits den nächsten Wandel an: der Sommer beginnt, sich zu neigen.
🫐 Frühherbst — die Holunderbeeren reifen
Hier stehen wir gerade: Die Beeren des Holunders haben sich von Grün über Rot zu tiefem Dunkelviolett verfärbt und hängen reif an den Dolden. Damit hat bei uns im Garten der Frühherbst begonnen. In einer anderen Region kann die Natur dagegen noch im Spätsommer stehen und gerade erst die ersten Frühäpfel reifen lassen.
Dir fällt vielleicht auf: Der Holunder taucht gleich zweimal auf: mit seiner Blüte im Frühsommer, mit seinen Beeren im Frühherbst. Damit ist er einer der zuverlässigsten Taktgeber im ganzen Jahreskreis.
🌰 Vollherbst — die Kastanien fallen
Das Bild kennt fast jedes Kind: Unter den Bäumen liegen glänzende Rosskastanien, und das Laub beginnt sich deutlich zu verfärben. Die Natur zieht ihre Kräfte zurück.
🍂 Spätherbst — das Stieleichenlaub verfärbt sich
Verfärbt sich das Laub der Stieleiche, ist der Spätherbst da. Grün weicht Gelb, Orange und Braun — die Landschaft bereitet sich sichtbar auf den Winter vor.
❄️ Winter — Laub und Lärchennadeln fallen
Wenn das Stieleichenlaub und die Nadeln der Lärche zu Boden fallen, beginnt der phänologische Winter. Anders als der 21. Dezember im Kalender ist dieser Zeitpunkt von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort verschieden. Die Natur hat eben ihren eigenen Kalender.
Warum der Naturkalender fürs Kräutersammeln so wertvoll ist
Für alle, die Wildpflanzen sammeln und verarbeiten, ist der phänologische Kalender mehr als nur eine Beobachtung. Er sagt dir nicht am Datum, sondern an der Pflanze selbst, wann Blätter, Blüten oder Früchte auf ihrem Höhepunkt stehen. Blüht in deiner Nachbarschaft der Holunder, ist die Zeit für den Sirup gekommen; hängen die Dolden schwarz und schwer, beginnt die Beerenzeit.
⚠️ Ein wichtiger Hinweis zur Holunderbeere: Reife Holunderbeeren enthalten roh das Glykosid Sambunigrin und sind ungekocht nicht bekömmlich. Erst durch Erhitzen kannst du sie verzehren. Ein gutes Beispiel dafür, dass zum sicheren Sammeln immer beides gehört: die Pflanze erkennen und ihre Verarbeitung kennen!
Phänologie selbst beobachten
Du brauchst weder eine besondere Ausrüstung noch einen komplizierten Kalender. Du musst eigentlich nur hinausgehen und hinschauen. 🌿
Such dir ein paar Pflanzen aus, die du regelmäßig im Blick hast — einen Holunder in der Nähe, einen Apfelbaum im Garten, eine Haselhecke oder eine Stieleiche am Weg. Und achte nicht nur darauf, ob eine Pflanze blüht oder Früchte trägt, sondern wann sich etwas verändert: Wann öffnen sich die ersten Blüten? Wann treibt der Baum aus? Wann sind die Früchte reif, wann verfärbt sich das Laub, wann fällt es?
Dein eigener Naturkalender
Notiere dir in einem selbst gestalteten Naturbuch Datum und Beobachtung.
Zum Beispiel:
- 14. April: Apfelbaum blüht
- 22. Mai: Sommerlinde blüht
- 20. Septembe: Kastanien fallen vom Baum
Zu jeder Notiz kannst du ein Blatt, eine Blüte oder ein Foto in dein Naturbuch kleben. Nach ein paar Jahren entsteht daraus ein ganz persönlicher phänologischer Kalender, und mit ihm ein anderer Blick auf die Natur. Du gehst nicht mehr einfach an reifen Holunderbeeren vorbei, sondern siehst: Der Frühherbst ist da.
Welche Jahreszeit zeigt sich gerade bei dir?
Schau dich in den nächsten Tagen einmal bewusst um. Was blüht? Was reift? Was verfärbt sich, was fällt bereits zu Boden? Vielleicht entdeckst du dabei deinen ganz persönlichen Zeiger für die nächste phänologische Jahreszeit.
Sobald due die Zeiger der Natur lesen kannst, wird aus deinem vertrauten Weg eine kleine Entdeckungsreise.
Lust, heimische Pflanzen mit allen Sinnen kennenzulernen und sicher zu bestimmen?
Alle nächsten Kräuterwanderungen und Workshops findest du unter herbapicus.com/termine/. 💮
Deine Claudia 🌿




0 Kommentare